Aktuelles Forschung für eine bessere Behandlung: Markus Loibl leitet neu das Scientific Board
Prof. Dr. med. Markus Loibl, Chefarzt Wirbelsäulenchirurgie, übernimmt die Leitung des Scientific Boards der Schulthess Klinik. Im Interview erklärt er, wie die Erfahrungen von Patientinnen und Patienten die Forschung voranbringen, was langfristig erhobene Behandlungsdaten ermöglichen und welche Schwerpunkte er als neuer Leiter setzen möchte.
Sie übernehmen die Leitung des Scientific Boards der Schulthess Klinik. Was reizt Sie persönlich an dieser Aufgabe?
Mich reizt vor allem das Thema «Daten». An der Schulthess Klinik haben wir die Beurteilung des postoperativen Verlaufs anhand unserer eigenen Daten selbst in die Hand genommen. Es war sehr visionär, bereits vor mehr als 20 Jahren mit einer systematischen Datenerhebung bei allen operativ behandelten Patientinnen und Patienten zu beginnen. Dieser Erfahrungsschatz hilft uns, besser zu verstehen, was eine Behandlung langfristig bewirkt. Als Vorsitzender möchte ich für alle Abteilungen diesen Weg fortführen und intensivieren.
Was ist ein Scientific Board?
Im Scientific Board kommen Ärztinnen und Ärzte sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen. Sie bringen unterschiedliche Perspektiven ein, haben aber ein gemeinsames Ziel: die Behandlung unserer Patientinnen und Patienten weiter zu verbessern. Wir besprechen Fragen aus dem Klinikalltag, planen, welche Daten wir dafür benötigen und wie wir sie auswerten. Zugleich ist er ein Entscheidungsgremium: Hier können strategische Entscheidungen für oder gegen innovative Operationstechniken, Implantate und andere Behandlungsmethoden institutionell beurteilt werden.
Warum braucht eine orthopädische Klinik ein Scientific Board?
In einer orthopädischen Klinik werden laufend neue Operationstechniken angewendet und Implantate eingesetzt. Für unsere Patientinnen und Patienten ist entscheidend, ob diese tatsächlich einen Vorteil bringen. Das müssen wir sorgfältig und unabhängig bewerten. Der Wissenschaftliche Beirat schafft dafür einen Rahmen. So können wir gute Entscheidungen im Sinne unserer Patientinnen und Patienten treffen.
Welche Aufgaben übernimmt das Scientific Board an der Schulthess Klinik konkret?
Der Beirat unterstützt die Forschungsstrategie der Schulthess Klinik und der Schulthess-Stiftung – von der Frage, welche Themen wir untersuchen wollen, bis zur Umsetzung konkreter Projekte. Das umfasst Forschung innerhalb der Klinik ebenso wie gemeinsame Projekte mit unseren Partnern.
Wie wird aus einer Frage aus dem Behandlungsalltag ein Forschungsprojekt und wie finden die Ergebnisse zurück in die Behandlung?
Am Anfang steht oft eine Frage im Gespräch mit einer Patientin oder einem Patienten: Braucht es eine Operation? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Und welches Verfahren bietet für diese Person die besten Aussichten? Solche Fragen nehmen wir mit in die Forschung. Anhand unserer systematisch erhobenen Daten untersuchen wir, wie es Menschen nach einer Behandlung geht, und lernen dabei, unser eigenes Handeln zu hinterfragen und Therapieentscheidungen anzupassen.
Was haben Patientinnen und Patienten konkret davon, dass ihre Klinik auch forscht? Können Sie das an einem Beispiel zeigen?
Ein Beispiel aus der Wirbelsäulenchirurgie sind Bandscheibenvorfälle. Wir wissen heute, dass die meisten ohne Operation behandelt werden können. Wenn ein Bandscheibenvorfall erneut auftritt und ein zweiter operativer Eingriff infrage kommt, ist die Entscheidung oft anspruchsvoll: Welche Operation hilft dieser Person am besten, und wann ist sie sinnvoll? Mithilfe unserer Datenbank haben wir zwei operative Behandlungsmöglichkeiten verglichen. Dabei betrachten wir sowohl die Behandlungsergebnisse als auch mögliche Komplikationen. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet das: Wir können ihnen die Chancen und Risiken der verschiedenen Möglichkeiten anhand konkreter Zahlen erklären und gemeinsam eine Entscheidung treffen, die zu ihrer Situation passt.
Die Schulthess Klinik erhebt seit über 20 Jahren systematisch Daten zu ihren Behandlungen. Was macht diesen langjährigen Datenschatz für die Forschung wertvoll?
Der grosse Wert liegt darin, dass wir über viele Jahre konsequent nachgefragt haben, wie es unseren Patientinnen und Patienten geht. So sehen wir, ob eine Behandlung auch längerfristig hilft. Wir verfügen über eine der grössten Datenbanken der Welt mit langfristig erhobenen Behandlungsergebnissen. In der Wirbelsäulenchirurgie befragen wir die Patientinnen und Patienten zu definierten Zeitpunkten bis fünf Jahre nach der Operation. Diese Datenerhebung läuft bereits seit über 20 Jahren. Die Kombination aus Umfang, Systematik und langjähriger Erfahrung ist ein wertvoller Schatz. Darauf bauen wir nun auf, um Modelle zu entwickeln, die Behandlungsergebnisse vorhersagen sollen. Unser Ziel ist, künftig noch besser einschätzen zu können, welche Behandlung wem helfen kann.
Mit sogenannten PROMs erfassen Patientinnen und Patienten selbst, wie es ihnen geht – etwa hinsichtlich Schmerzen, Beweglichkeit und Lebensqualität. Was erfahren wir dadurch, das medizinische Untersuchungen allein nicht zeigen?
Wir benötigen die Perspektive der Patientinnen und Patienten selbst. Mit PROMs – standardisierten Fragebögen zu Schmerzen, Funktion und Lebensqualität – machen wir diese Erfahrungen systematisch sichtbar. Weil wir zu festgelegten Zeitpunkten nachfragen, können wir Veränderungen über längere Zeit verfolgen und Ergebnisse vergleichen. Die Fragebögen ergänzen die medizinischen Untersuchungen. Wenn der Verlauf stabil ist und keine persönlichen Kontrolltermine mehr nötig sind, können wir über digitale oder auf Papier ausgefüllte Fragebögen weiterhin erfahren, wie es den Menschen geht.
Wie werden aus diesen Rückmeldungen konkrete Verbesserungen in der Behandlung?
Die Rückmeldungen zeigen uns, wie sich eine Behandlung im Alltag auswirkt. Wenn wir die Ergebnisse vieler Patientinnen und Patienten mit derselben Erkrankung auswerten, erkennen wir besser, welche Behandlung unter welchen Voraussetzungen gute Aussichten bietet. Bei erneut aufgetretenen Bandscheibenvorfällen haben wir zum Beispiel untersucht, wie die Ergebnisse mit dem gewählten Operationsverfahren zusammenhängen. Solche Erkenntnisse helfen uns, unsere Empfehlungen gezielter auf die einzelne Person abzustimmen. Die Erfahrungen früherer Patientinnen und Patienten tragen damit dazu bei, die Behandlung der nächsten zu verbessern.
Gibt es ein konkretes Beispiel, bei dem solche Erkenntnisse die Behandlung oder Nachbetreuung verändert haben?
Ja, bei erneut aufgetretenen Bandscheibenvorfällen haben wir unsere Vorgehensweise angepasst. Unsere Auswertungen zeigen: Bei bestimmten Veränderungen in der Bildgebung kann es sinnvoll sein, frühzeitig eine stabilisierende Versteifungsoperation, eine sogenannte Spondylodese, in Betracht zu ziehen. Wird lediglich der erneute Bandscheibenvorfall entfernt, lindert das die Schmerzen nicht nachhaltig, und Folgeeingriffe sind zu erwarten. Die Erkenntnisse helfen uns, genauer abzuwägen, wem welches Vorgehen langfristig helfen kann.
Welche Schwerpunkte möchten Sie als neuer Leiter setzen? Wo sehen Sie das grösste Potenzial für die kommenden Jahre?
Für mich stehen drei Punkte im Vordergrund. Erstens: Aufbauend auf allen Vorarbeiten werden wir die Themen Daten, automatisierte Bildanalyse und Outcome-Prediction in allen Abteilungen intensivieren und dafür den Weg ebnen. Zweitens: Wir werden noch digitaler werden und unsere Infrastruktur zur systematischen Datenerhebung in allen Abteilungen weiter ausbauen. Drittens: Mein Ziel ist es, unsere etablierten Partnerschaften und unser Netzwerk auszubauen, um daraus mehr gemeinsame multizentrische Projekte zu realisieren. So bieten wir allen wissenschaftlich aktiven Kolleginnen und Kollegen an der Schulthess Klinik eine ideale Plattform, um Projekte durchzuführen, die die Versorgungsqualität unserer Patientinnen und Patienten verbessern.