alert-checkalert-circlealert-trianglearrowassignmentbg-s-outlinesbg-sburger-whiteburgercalendarcheckclosedownloaddropdownemailFacebook iconheartinfoInstagram iconlinkLinkedIn iconlocationlocknbk_assignmentnbk_contactnbk_drivenbk_emergencynbk_servicesnbk_specialistphonesearchshow-morex_negXing iconYouTube iconyoutube2

News 20 Jahre Schulter-Register: vom Pionierprojekt zur wertvollen Wissensquelle

Vor 20 Jahren begann Dr. med. Hans-Kaspar Schwyzer in der Schulthess Klinik damit, Operationen mit Schulterprothesen systematisch zu dokumentieren. Tausende Fälle später liefert dieser Daten-Schatz einzigartige Erkenntnisse für die Forschung und Behandlung. Gemeinsam mit seinem Nachfolger Prof. Dr. med. Markus Scheibel, der das Projekt mit seinem Team inzwischen weiterführt, blickt Hans-Kaspar Schwyzer im Interview zurück auf die Anfänge, die Entwicklung und die Jahre der Zusammenarbeit.

Scheibel Schwyzer
Dr. Hans-Kaspar Schwyzer (links), Prof. Dr. Markus Scheibel (rechts)

Herr Dr. Schwyzer, nehmen Sie uns mit zurück an den Anfang: Wie entstand vor über 20 Jahren die Idee, ein Schulterregister aufzubauen?

Hans-Kaspar Schwyzer: Die Grundfrage war eigentlich ganz simpel: Wie gut sind unsere Resultate – unmittelbar nach der Operation, mittelfristig und auch langfristig? Jeder orthopädische Chirurg möchte wissen, welchen Nutzen eine Operation dem Patienten wirklich bringt. Hat der Eingriff Schmerzen reduziert? Hat er die Lebensqualität verbessert? Und welchen Einfluss haben Begleiterkrankungen oder Vorschädigungen auf den Behandlungsverlauf? Um solche Fragen beantworten zu können, braucht es Daten – und so entstand die Idee, sie in einem Register zu sammeln.

Was ist denn überhaupt ein Register?

Hans-Kaspar Schwyzer: In einem Register werden Daten zu bestimmten Eingriffen und Behandlungen systematisch erfasst. An der Schulthess Klinik haben wir die Schulter-Patientinnen und -Patienten in regelmässigen Abständen in unserer Sprechstunde gesehen. Durch diese lange und engmaschige Nachverfolgung lässt sich nachvollziehen, wie sich Behandlungen und Implantate über die Jahre bewährt haben.

Eine solche Datenbank aufzubauen, ist sicher aufwendig…

Hans-Kaspar Schwyzer: Ja, nicht nur personell, sondern auch finanziell. Wir sprechen hier über Investitionen von rund einer Million Franken. Ermöglicht hat das die Unterstützung der Georg und Bertha Schwyzer-Winiker Stiftung. Ohne diese Finanzierung wäre das Projekt damals nicht realisierbar gewesen.

Herr Professor Scheibel, Sie sind der Nachfolger von Hans-Kaspar Schwyzer und führen das Register heute weiter. Welche Daten erfassen Sie genau?

Markus Scheibel: In der Orthopädie untersuchen wir regelmässig die Kardinalsymptome Schmerzen, Kraftverlust und Funktionseinschränkungen, die häufig die Lebensqualität reduzieren. Schon vor 20 Jahren konnten wir mit Prothesen in diesen Bereichen viel bewegen. Die Auswertung der Register-Daten hat ein «Feintuning» unserer Behandlungen ermöglicht – also präzisere Indikationsstellung, bessere Implantate und schonendere Operationstechniken. So konnten wir fast alle der genannten Parameter noch weiter optimieren. Oder kurz gesagt: Die Behandlungsqualität hat sich dadurch insgesamt gesteigert. Ausserdem zeigen uns die gesammelten Daten, wie lange verschiedene Prothesen halten und ob sie auch über viele Jahre hinweg zuverlässig funktionieren.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Markus Scheibel: Selbstverständlich. Wir haben beispielsweise 2025 eine Studie veröffentlicht, in der wir dank der Daten herausfinden konnten, dass sich eine bestimmte Prothese deutlich häufiger frühzeitig lockerte als andere. Weil die Patientinnen und Patienten regelmässig von uns nachkontrolliert wurden, konnten wir diese Häufung erkennen. Ohne Register wäre es vermutlich unbemerkt geblieben.

Und was passierte dann?

Markus Scheibel: Wir haben den Hersteller informiert – die meisten der verwendeten Implantate sind heute nicht mehr auf dem Markt verfügbar.

Hans-Kaspar Schwyzer: Genau dafür ist ein Register da: objektiv beobachten, Probleme früh erkennen und reagieren, bevor grösserer Schaden entsteht. Wie eine Art Frühwarnsystem.

Markus Scheibel: Diese Studie wurde zudem von der renommierten Fachzeitschrift Journal of Bone and Joint Surgery in die Liste der weltweiten Top-10-Publikationen 2025 aufgenommen. Das unterstreicht die Bedeutung der Arbeit und verdeutlicht, wie wichtig es ist, auch nicht optimale Ergebnisse transparent zum Wohle zukünftiger Patientinnen und Patienten zu publizieren.

Inwiefern hat sich die Schulterprothetik in diesen letzten 20 Jahren verändert?

Markus Scheibel: In den letzten 20 Jahren ist die Diagnostik deutlich präziser geworden. Man achtet inzwischen stärker auf die Funktion vom Gelenk, auf das umliegende Gewebe und wie lange die Prothese voraussichtlich hält. Ausserdem werden heutige Implantate so eingesetzt, dass möglichst wenig Knochen entfernt wird und sie besser zur individuellen Knochenform passen. Und die 3D-Planung hat die Operationsvorbereitung verbessert, und die Robotik wird die Präzision künftig weiter steigern.

Hans-Kaspar Schwyzer: Ausserdem konnten wir zeigen, dass die inverse Prothese keineswegs nur eine «zweite Wahl» ist…

Inverse Schulterprothese?

Markus Scheibel: Das ist ein künstliches Gelenk, bei dem Kugel und Pfanne vom Gelenk absichtlich vertauscht werden. Die Kugel sitzt dann auf dem Schulterblatt, die Pfanne am Oberarm – also genau umgekehrt, als es anatomisch der Fall ist. Anfangs galt diese Form unter Orthopäden als Notlösung. Bei uns im Register hat sich aber sehr früh ein Trend zur inversen Prothese gezeigt, deutlich früher als in vielen anderen Ländern. Denn die Daten haben belegt, dass wir damit oft genauso gute oder sogar bessere Ergebnisse erzielen konnten. Heute ist die inverse Prothese absolut etabliert.

Wo steht das Register jetzt – und wie geht es weiter?

Markus Scheibel: Wir integrieren kontinuierlich neue Technologien in unsere Datenerhebung, etwa die präoperative 3D-Planung. Zudem führen wir unsere Daten mit Registerdaten von Spitzenkliniken wie dem Hospital for Special Surgery (HSS) zusammen, um gemeinsame wissenschaftliche Projekte umzusetzen. Ein zentraler Forschungsschwerpunkt ist die personalisierte Medizin – also die Frage, welche Implantatkonfiguration für den individuellen Patienten am besten geeignet ist. Eine Herausforderung bleibt jedoch die Nachverfolgung über sehr lange Zeiträume: Nach 20 Jahren sind manche Patienten verstorben oder nicht mehr mobil. Langfristig gilt es daher, neue Wege zu entwickeln, um den Kontakt zu den Patienten auch ausserhalb der Klinik aufrechtzuerhalten.

Hans-Kaspar Schwyzer: Ein Register gehört heute zur seriösen Orthopädie einfach dazu. Es ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für verantwortungsvolle Medizin.

Herr Dr. Schwyzer, eine letzte Frage: Haben Sie vor 20 Jahren geahnt, welche Dimension dieses Register einmal erreichen würde?

Hans-Kaspar Schwyzer: Dass es einmal so weitreichende wissenschaftliche und praktische Ergebnisse liefern würde, daran habe ich damals ehrlich gesagt nicht gedacht. Man hofft als Chirurg immer, dass es nie Komplikationen gibt – aber wenn Probleme auftreten, kann man mit diesem Register ganz anders reagieren und handeln. Darüber freue ich mich.

Markus Scheibel: Und wir sind noch nicht am Ende. Zwanzig-Jahres-Daten sind weltweit selten. Ich bin überzeugt, dass wir daraus noch einige wichtige Erkenntnisse gewinnen werden.