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Aktuelles Gery Büsser: Ein Arzt, der zur Mannschaft gehört

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Seit über 30 Jahren begleitet Dr. med. Gery Büsser die ZSC Lions als Sportarzt. Er hat unzählige Spiele, Trainerwechsel, 8 Schweizer Meistertitel, 2 Championsleague Pokale, 1 Cupsieg und einige bange Momente miterlebt. Im Interview erzählt er, wie er eher zufällig beim Eishockey landete, weshalb ein Sportarzt auch unpopuläre Entscheidungen treffen muss und warum man in diesem Job Teil einer grossen Familie wird. 

Herr Büsser, wissen Sie noch, wann Sie zum ersten Mal als Sportarzt an der Bande der ZSC Lions standen?

Offiziell bin ich seit dem 1. Januar 1996 dabei. Mein erster Einsatz war allerdings bereits kurz vor Weihnachten 1995. Mein damaliger Chef und Sportarztlegende Heinz Bühlmann, erhielt die Anfrage, dass der ZSC einen Teamarzt suche. Er hatte aber schon genug zu tun, also schickte er mich hin: Ich solle mir das einmal anschauen und herausfinden, ob es etwas für mich sei.

Und: War es etwas für Sie?

Lacht. Offensichtlich. Ich fand die Aufgabe von Anfang an unglaublich spannend. Dass daraus einmal mehr als 30 Jahre werden würden, hätte ich allerdings nie gedacht.

Damit sind Sie beim ZSC inzwischen fast so etwas wie eine Institution.

Das klingt etwas gross, aber ich bin tatsächlich schon ziemlich lange dabei. Es gab in dieser Zeit einige Spieler- und Trainerwechsel – beim Sportarzt dagegen erstaunlich wenig Bewegung. Ich blieb. 

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Was fasziniert Sie bis heute an dieser Aufgabe?

Als Sportarzt ist man nicht nur für die Versorgung während eines Spiels da. Der grosse Teil der Arbeit passiert dazwischen: Abklärungen, Verletzte Spieler aufs Eis zurückbringen, massgeschneiderte Rehabilitation und Belastungsaufbau begleiten, die Leistungsdiagnostik beurteilen und gemeinsam mit dem ganzen Team dafür sorgen, dass die Spieler bereit für die Saison und den nächsten Match sind.

Am Anfang jeder Saison kommen neue Spieler hinzu. Man versucht, sie zu integrieren und als Team zu wachsen, um das gemeinsame Missionsziel am Ende der Saison zu erreichen. Hierfür legt jeder seine ganze Energie hinein und es entsteht ein starker Strudel in dessen Flow alles erreichbar scheint. Es gelingt nicht immer, aber ich denke genau deswegen, werden die gemeinsam erreichte Erfolge noch wertvoller und unvergessener. Und wenn es dann wirklich aufgeht und man den Chübel gewinnt, ist das eine unbeschreibliche Genugtuung und Stolz ein kleines Rädchen im System gewesen zu sein. Es braucht wirklich jeden dazu, das ist enorm ansteckend und verbindet.

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Hand aufs Herz: Wie viele Heimspiele haben Sie in all den Jahren verpasst?

Fünf, nein eigentlich sechs, da war ich zwar im Stadion, verbrachte den Match wegen eines heftigen Magen-Darm-Infekts jedoch grösstenteils auf der Toilette. Medizinisch hätte ich an diesem Abend vermutlich nicht mehr viel ausrichten können. 

Der Arzt hat wohl einen der besten Plätze im Stadion. Können Sie den Match dort überhaupt als Fan verfolgen?

Ich bin an der Bande nicht als Fan. Ich habe dort eine Funktion und die will und muss ich erfüllen. Natürlich spüre ich das Adrenalin. Schliesslich prallen auf dem Eis kräftige, schnelle Athleten aufeinander. Wenn ein Spieler liegen bleibt, schaltet man jedoch sofort um. Dann geht es nicht mehr um den Spielstand, sondern nur noch darum: Was ist passiert? Ist der Spieler ansprechbar? Müssen wir sofort aufs Eis? Haben wir alles bereit?

Für solche Situationen gibt es klare Abläufe. Die müssen auch bei einem Puls von 170 funktionieren.

Gab es einen Moment, in dem Sie sofort wussten: Jetzt zählt jede Sekunde?

Ja. Besonders geblieben ist mir eine schwere Schnittverletzung am Hals eines Spielers. Ich hatte die eigentliche Szene gar nicht gesehen. Plötzlich bemerkte ich, wie er zur Bande fuhr – hinter ihm war eine Blutspur auf dem Eis.

Auf dem Weg zu ihm schoss mir erstaunlich viel durch den Kopf. Gleichzeitig arbeitete ich den eingeübten Ablauf ab: Man prüft die Verletzung, schätzt den Blutverlust ein und handelt. Solche Momente vergisst man nicht. 

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Der zerplatzte Traum vom WM-Titel im Mai 2026: Nach dem aus der Nationalmannschaft im Final.

Ist es schwieriger, wenn man den verletzten Spieler seit Jahren kennt?

Natürlich. Die Spieler sind einem nahe. Man verbringt viel Zeit miteinander und wird Teil dieser Mannschaftsfamilie. Trotzdem muss man in diesem Moment sachlich bleiben. Wenn ein Knie verdreht ist, untersuche ich das Knie und beurteile die Verletzung, unabhängig davon, wer vor mir sitzt.

Die Nähe oder gar der Spielstand, darf die medizinische Beurteilung nicht beeinflussen. Das Vertrauen, das über die Jahre entsteht, hilft jedoch dabei, dass die Spieler diese Entscheidung akzeptieren.

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Auch wenn die Entscheidung lautet: Du spielst heute nicht mehr weiter?

Gerade dann. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Sportarztes, einen Spieler zu schützen; auch vor seinem eigenen Ehrgeiz. Früher war die Vorstellung stärker verbreitet, dass man sich für das Team aufopfert und irgendwie weiterspielt. Heute wissen die Spieler: Wenn sie nur noch 85 Prozent leisten können, helfen sie der Mannschaft weniger als ein gesunder Teamkollege.

Ihr Körper ist ihr Kapital. Eine Profikarriere ist kurz. Wer eine Verletzung verschleppt, riskiert im schlimmsten Fall nicht nur die nächsten Spiele, sondern seine ganze Berufskarriere.

Wo mussten Sie besonders häufig unpopuläre Entscheidungen treffen?

Vor allem bei Hirnerschütterungen. Das Verständnis dafür hat sich in den vergangenen Jahrzehnten aber auch grundlegend verändert. Früher galt vereinfacht gesagt: Solange jemand nicht bewusstlos war oder erbrechen musste, war es keine Hirnerschütterung, es gehörte einfach zum Sport. Heute wissen wir, dass bereits eine vorübergehende Funktionsstörung des Gehirns ernst genommen werden muss.

Ein Spieler kann nach aussen relativ unauffällig wirken und trotzdem langsamer reagieren, sich benommen fühlen oder Schwierigkeiten mit der Konzentration und Reizverarbeitung haben. Das Tückische ist: Auf einem MRI sieht man in solchen Fällen häufig nichts. Trotzdem funktioniert das Netzwerk im Gehirn vorübergehend nicht wie gewohnt.

Und dann bleibt der Spieler draussen?

Ja. Darüber wird nicht diskutiert. Besonders gefährlich ist eine zweite Kopfverletzung, bevor sich das Gehirn vollständig von der ersten erholt hat. Deshalb gilt nach einer Hirnerschütterung zunächst: Stop.

Gerade zu Beginn stiess diese Konsequenz nicht immer auf Begeisterung. Ein Spieler fühlte sich vielleicht schon wieder bereit, auch der Trainer wollte ihn verständlicherweise zurück und wir sagten: Du bleibst draussen. Und zwar nicht nur für den Rest des Spiels, sondern für mehrere Tage bis das Return-To-Play Protokoll korrekt bestanden wird.

Bei Kopf und Herz gibt es für mich keinen Spielraum. Ein Spieler kann unter bestimmten Umständen mit einem gebrochenen Finger antreten. Bei einer Hirnerschütterung gelten andere Regeln.

Sie haben den stufenweisen «Return to Play» Test in der Schweiz früh mitgeprägt. Wie funktioniert dieser?

Das Konzept wurde zunächst vor allem für Hirnerschütterungen entwickelt. Weil Abwarten allein keine ausreichende Strategie ist, führt man die Spieler kontrolliert und schrittweise zurück. Zuerst beginnt man mit einer leichten Belastung. Bleibt der Spieler beschwerdefrei, folgt die nächste Stufe – beispielsweise intensiveres Ausdauertraining, sportartspezifische Übungen und später wieder das Training auf dem Eis.

Pro Tag wird höchstens eine Stufe absolviert. Treten Symptome auf, bleibt der Spieler auf dieser Stufe oder geht einen Schritt zurück. Dadurch ist eine sofortige Rückkehr ausgeschlossen und wir gewinnen die Zeit, die das Gehirn zur Erholung braucht.

Wann geben Sie grünes Licht für den nächsten Match?

Erst wenn der Spieler vollständig beschwerdefrei ist, sämtliche Stufen durchlaufen hat und auch unter Belastung normal funktioniert. Das subjektive Gefühl ist dabei wichtig, reicht für sich allein jedoch nicht aus. Gerade ehrgeizige Athleten wollen verständlicherweise möglichst schnell zurück.

Ergänzend können neurokognitive Tests helfen. Sie prüfen unter anderem Reaktionsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung. Meine Frau führt solche Tests seit 2010 als Baseline, also im Sommer vor einem allfälligen Hirnerschütterungsereignis beim ZSC und später dann auch schweizweit für die Liga durch. Das Thema ist bei uns also fast schon ein Familienprojekt geworden.

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Was hat sich im Eishockey seit Ihren Anfängen sonst noch verändert?

Das Spiel ist sehr viel schneller und athletischer geworden. Schon 1996 waren die Spieler Profis. Heute sind sie jedoch in allen Bereichen hochprofessionell. Training, Leistungsdiagnostik, Ernährung und Regeneration haben einen ganz anderen Stellenwert.

Früher mussten wir nach der Sommerpause teilweise dafür sorgen, dass die Spieler wieder auf ihr Leistungsniveau kamen. Heute ist es eher umgekehrt: Viele muss man bremsen, damit sie nicht ins Übertraining geraten. Sie wissen genau, dass Talent allein nicht reicht. Wenn der Körper nicht mitmacht, können sie ihren Beruf nicht ausüben.

Ist dadurch auch etwas verloren gegangen?

Vielleicht ein wenig von der früheren Unbekümmertheit. Die Spieler sind sehr diszipliniert, achten auf ihre Ernährung, schlafen ausreichend und planen ihre Regeneration. Mit manchen kann man kaum noch spontan ein Bier trinken (lacht). Aber das ist der Preis der heutigen Professionalität. Und vermutlich auch ein Generationenthema – gut kenne ich doch noch einige Spieler aus früheren Generationen.

Haben Sie einen Lieblingsspieler?

Nein. In einer Familie hat man schliesslich auch kein Lieblingskind. Beim ZSC müsste ich mich jedes Jahr zudem zwischen ungefähr 30 Kindern entscheiden – eigentlich liebe ich sie alle (lacht).

Gibt es Rituale, bevor Sie an die Bande gehen?

Nicht im Sinne von: immer zuerst den linken Schuh anziehen. Aber ich habe meine festen Abläufe. Ich kontrolliere, ob alles da ist und ob wir für einen Notfall vorbereitet sind. Das ist weniger Aberglaube als Routine. Zudem schafft Routine in kritischen Situationen Sicherheit. Und der Zaubertrank hilft natürlich auch.

Könnten Sie sich vorstellen, Sportarzt eines anderen Clubs zu sein?

Wir betreuen mit unserem Team an der Schulthess Klinik auch andere Mannschaften und die Verbundenheit muss einfach da sein. Doch die Verbindung zu den ZSC Lions ist nach dieser langen Zeit natürlich eine besondere. Man kennt die Menschen, die Strukturen, die Geschichte und die Philosophie des Clubs. Dieses Vertrauen entsteht nicht von heute auf morgen.

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Was muss ein guter Sportarzt neben medizinischem Wissen mitbringen?

Commitment und Respekt. Man kann nicht einfach der Arzt sein, der gelegentlich auftaucht und schaut, ob alles in Ordnung ist. Man muss sich auf die Mannschaft einlassen und Teil dieser Familie werden. Erst dadurch entsteht der Flow und das Vertrauen, das es braucht, um die Funktion Arzt gut auszuüben. 

Eine entscheidende Rolle dabei spielt natürlich auch die eigene Familie zu Hause! Die Spiele finden abends und an Wochenenden statt. Wenn die Mannschaft verliert, ist manchmal auch der Sonntag etwas weniger heiter. Ich habe grosses Glück, dass meine Frau all das mitträgt, mithilft und sich sogar selbst in die medizinische Betreuung eingebracht hat.

Was hat Ihnen der ZSC in all diesen Jahren beigebracht?

Leidenschaft und Mentalität. Wenn man etwas macht, sollte man es richtig machen und sich darauf einlassen. Diese Haltung spürt man im Sport jeden Tag. Vielleicht bin ich deshalb so lange geblieben: Weil ich nie nur zuschauen kann. Ich durfte immer ein Teil davon sein, dafür bin ich dankbar und empfinde dies nicht als selbstverständlich. Mir sind Züri.

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