Aktuelles Beste Facharztprüfung der Schweiz: Harold Vasey-Preis für Dr. med. Manuel Jung
Die Auszeichnung unterstreicht nicht nur die persönliche Leistung des Preisträgers, sondern steht auch für den hohen Anspruch an medizinische Qualität und Exzellenz, den die Schulthess Klinik in der täglichen Patientenversorgung verfolgt.
Im folgenden Kurzinterview spricht Dr. med. Manuel Jung über seinen Werdegang, den Stellenwert moderner Infiltrationen bei Rückenbeschwerden und worauf es beim Schutz der Wirbelsäule im Alltag ankommt.
Herr Jung, Sie haben die schriftliche Facharztprüfung mit dem schweizweit besten Resultat abgeschlossen. Herzliche Gratulation! Sie haben sich so intensiv mit dem Bewegungsapparat beschäftigt, wie geht es für Sie weiter?
Vielen Dank. Das Resultat hat auch mich überrascht. Offenbar haben sich die vielen Lernstunden gelohnt! Mein Weg wird nun über die Orthopädie zur Wirbelsäulenchirurgie gehen.
Was fasziniert Sie an diesem komplexen System der Wirbelsäule?
Mich fasziniert das Zusammenspiel neurochirurgischer und orthopädischer Prinzipien: Nerven zu entlasten und dabei zugleich Stabilität und Gleichgewicht der Wirbelsäule zu berücksichtigen. Da die Wirbelsäule eine bewegliche Kette vom Kopf bis zum Becken bildet, betreffen altersbedingte Veränderungen oft mehrere Segmente unterschiedlich stark. Die entscheidende Frage lautet daher: Welche Befunde aus der Bildgebung verursachen tatsächlich die Beschwerden? Darin liegt die Kunst der Operationsplanung: So viel wie nötig, so wenig wie möglich zu operieren. Zur Aufklärung gehört auch, dass unbehandelte Abschnitte später Beschwerden auslösen können – möglich, aber keineswegs zwangsläufig.
Ein Schwerpunkt von Ihnen sind Infiltrationen an der Lendenwirbelsäule. Was geschieht dabei, und wann kann die Behandlung eine Operation verhindern?
Bei einer Infiltration wird unter Bildkontrolle eine feine Nadel gezielt an die Schmerzquelle geführt – etwa an eine Nervenwurzel oder ein Wirbelgelenk. Dort werden ein Lokalanästhetikum und ein Entzündungshemmer injiziert. Das Verfahren wirkt diagnostisch und therapeutisch: Lindern sich die Beschwerden deutlich, bestätigt das die vermutete Ursache. Ein endgültiger Beweis ist es allerdings nicht – die Wirbelsäule legt auch nach einer Befragung nicht immer ein vollständiges Geständnis ab. Bei einem Bandscheibenvorfall reduziert die Infiltration Entzündung und Nervenreizung vorübergehend. So entsteht Zeit für Bewegung, Physiotherapie und den natürlichen Heilungsverlauf. Die Infiltration löst den Vorfall nicht selbst auf, aber der Körper kann ausgetretenes oder abgelöstes Gewebe mit der Zeit abbauen. Bei geeigneten Patientinnen und Patienten überbrückt diese Behandlung die Schmerzphase und kann eine Operation vermeiden. Ausgenommen sind fortschreitende neurologische Ausfälle wie Lähmungen oder Blasen- und Darmstörungen – diese erfordern eine rasche Abklärung und meist einen zügigen Eingriff.
Ein weiterer Schwerpunkt sind Wirbelkörperfrakturen bei Osteoporose. Worauf sollte man im Alter achten, um die Wirbelsäule stabil zu halten?
Osteoporose bleibt oft lange unbemerkt. Sie ist leise, ihre Folgen sind es nicht. Wirbelkörper, Vorderarm und Hüfte gehören zu den typischen Stellen osteoporotischer Brüche. Viele Wirbelkörperfrakturen werden zufällig entdeckt, weil sie nur geringe oder unspezifische Beschwerden verursachen. Trotzdem können sie die Wirbelsäule aus dem Lot bringen und längerfristig zu Fehlhaltung, veränderter Belastung und chronischen Schmerzen führen. Warnzeichen sind neu auftretende Rückenschmerzen, ein deutlicher Grössenverlust oder eine zunehmend gebeugte Haltung. Nach einer Wirbelkörperfraktur genügt es deshalb nicht, nur die Schmerzen zu behandeln. Entscheidend ist, die zugrunde liegende Osteoporose abzuklären und das Risiko weiterer Brüche gezielt zu senken. Das Ziel lautet nicht nur den aktuellen Bruch zu behandeln, sondern eine ganze Frakturkaskade zu verhindern.
Welchen einfachen Rat geben Sie uns mit, um die Wirbelsäule im Alltag möglichst gut zu schützen?
In meiner Sprechstunde erlebte ich über 80-Jährige, deren Röntgen- und MRI-Bilder weit fortgeschrittene Abnützungen zeigten. Nach den Befunden hätte man erhebliche Einschränkungen erwartet – sie jedoch berichteten nur von gelegentlichem Zwicken und unternahmen mehrmals pro Woche Bergtouren. Die Bilder wirkten dramatischer als ihre Besitzer. Das zeigt: Verschleiss und Beschwerden sind nicht dasselbe. Eine kräftige Rücken- und Rumpfmuskulatur stützt die Wirbelsäule wie ein 360-Grad-Korsett. Sie lässt Abnützungen zwar nicht verschwinden, federt deren Folgen aber wirksam ab. Der wichtigste Rat: Regelmässig bewegen sowie Kraft, Ausdauer und Haltung trainieren. Hinzu kommen Nikotinverzicht und ein gesundes Körpergewicht. Bei degenerativen Veränderungen ist ein individuell abgestimmtes, tägliches Übungsprogramm besonders wertvoll. Es gilt: Lieber täglich in Bewegung bleiben als das Wochenpensum an einem Nachmittag nachzuholen.