News Farewell Prof. Dr. med. Jiří Dvořák

Autor: Dr. med. Tomas Drobny

Er war 20 Jahre jung und an der Karls-Universität in Prag mitten im Medizinstudium, als am 21. August 1968 die sowjetische Armee mit den verbündeten Staaten des Warschauer Pakts in die damalige Tschechoslowakei einmarschierte und den «Prager Frühling», eine Reformbewegung für Sozialismus mit menschlichem Antlitz, gewaltsam beendete. Ein halbes Jahrhundert ist seither vergangen. Politisch exponiert, blieb Jiří Dvořák nicht viel anderes übrig, als möglichst schnell den Koffer zu packen und das Land zu verlassen. Mit ein paar Brocken Englisch und null Deutschkenntnissen landete er im Herbst 1968 in Zürich, eben mit dem einen bereits erwähnten Koffer, in dem er nebst ein paar Kleidern seine Zeugnisse und die wichtigsten Dokumente mitgenommen hatte.

Willkommen in der Schweiz

Der Anfang im fremden Land war ohne Sprachkenntnisse, ohne Eltern, ohne Beziehungen und ohne Geld alles andere als einfach. Der Naturbursche und Überlebenskünstler Dvořák, dem keine Arbeit zu niedrig ist, trat für zwei Franken pro Stunde eine Stelle als Hilfsarbeiter auf dem Bau an. Wie nun aber vom Rand des sozialen Abgrunds auf die Uni kommen und sein Medizinstudium fortsetzen? Das war erst möglich, als er in die Familie des Musikprofessors von Fischer aus Erlenbach aufgenommen wurde. Sein «neues» Leben in der Wahlheimat Schweiz kam damit langsam in geregelte Bahnen. Die deutsche Sprache war mit seinem schnellen Auffassungsvermögen rasch gelernt, die nötigen Prüfungen wurden nachgeholt und bald stand er mit beiden Beinen in Zürich an der Rämistrasse und konnte sich voll auf sein geliebtes Medizinstudium konzentrieren, das er dann 1974 auch erfolgreich abschloss. Schon als Student hat man ihn oft murmeln hören: «Eines Tages werde ich ein grosser Professor werden.» Was ihm damals niemand so recht glauben wollte, ist dank seiner Zielstrebigkeit im weiteren Verlauf seines Lebens eingetreten. 1990 habilitierte er an der Uni Zürich und legte damit eine beachtenswerte Karriere hin, die ihresgleichen sucht. Sein neurologisches Werkzeug holte er sich bei dem grossen Schweizer Neurologen Prof. Marco Mumenthaler im Inselspital Bern. Schon damals war er aber sehr engagiert in der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Manuelle Medizin, deren Ausbildungsprogramm er neu gestaltete – um nicht zu sagen revolutionierte. Sein Buch «Manuelle Medizin» (Georg Thieme Verlag), das in viele Sprachen übersetzt worden ist und mehrfach neu aufgelegt wurde, gilt heute noch als DAS Standardwerk. Seine Devotion für die Wirbelsäule war damit vorgegeben.

Schulthess Klinik

Es ist kaum zu glauben, dass sich die Schulthess Klinik, die seit ihrer Gründung im Jahr 1883 ein Zentrum für Wirbelsäulenleiden war, viele Jahre mit den Diensten eines extern konsiliarisch tätigen Neurologen – ausgestattet im besten Fall mit einem Reflexhammer – zufriedengab. Der Fortschritt und die Komplexität der Wirbelsäulenchirurgie haben die Notwendigkeit einer eigenen neurologischen Abteilung erforderlich gemacht. Jiří Dvořák war aufgrund seines Curriculums der denkbar beste Kandidat, der vom Stiftungsrat mit dem Aufbau dieser Dienstleistung in enger Zusammenarbeit mit den Wirbelsäulenchirurgen beauftragt werden konnte. Dieser neurologische «Einmannbetrieb » entwickelte sich über die Jahre unter seiner weit vorausblickenden Ägide rasch zu einem hochmodernen Kompetenzzentrum für Neurologie, das jetzt 1 Chefarzt, 1 Senior Consultant, 5 Leitende Ärzte, 1 Leitende Oberärztin, 3 Oberärztinnen, 2 Stv. Oberärzte, 1 Assistenzarzt, 9 Sekretärinnen und 2 Fachfrauen für Neurophysiologische Diagnostik (FND) beschäftigt. Als ein «Konservativer», der in den letzten Jahren selten an den gemeinsamen Rapporten zu sehen war und auf den Abteilungen keine Visiten machen musste, blieb er einem grossen Teil des Personals, trotz seinem unübersehbaren Erscheinungsbild, verborgen und eine «Persona incognita». Von Anfang an hat der Visionär Jiří Dvořák konsequent das Konzept des «Paperless Office» verfolgt. Es war Jiří Dvořák, der uns Ende der 80er-Jahre den Personal Computer von Macintosh vorstellte und uns schon damals auf die Möglichkeiten der aufkommenden digitalen Transformation aufmerksam machte. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, löste damals höchstens ein ratloses Kopfschütteln aus. Auf seinem Schreibtisch waren auch, trotz extremer klinischer und wissenschaftlicher Aktivität, kaum Papiere zu sehen. Jiří Dvořák ist ein Mann fürs Grosse, mit Details hat er weniger am Hut und Trägheit, eine der sieben Todsünden, ist ihm ein Gräuel. Lassen sie uns nur auf einige wenige Meilensteine Dvořáks 31-jährigen Wirkens in der Schulthess Klinik zurückblicken, für welche er massgeblich verantwortlich zeichnet.

 

Prof. Jiří Dvořák

Digitalisierung des Röntgens

Als Dvořák im Jahr 1987 in die Schulthess Klinik eintrat, war Frau Seglias die einzige Röntgenassistentin und die Röntgenbilder wurden von ihr in der Dunkelkammer entwickelt. Heute kaum vorstellbar. Wegen des bis heute fast ungebremsten Wachstums der Schulthess Klinik war diese Technologie bald unzureichend und das Archiv mit Röntgenbildern überfüllt. Jiří Dvořák war zu der Zeit Mitglied des dreiköpfigen Direktoriums der Schulthess Klinik und zog den Wandel vom analogen zum digitalen Röntgen, nicht ganz ohne Widerstände, konsequent durch. Schulthess Klinik ohne digitales Röntgen? Heute kaum vorstellbar.

Intraoperatives Monitoring

Die unglaubliche Expansion des – seit Wilhelm Schulthess – fundamentalen Standfusses der Schulthess Klinik, der Behandlung der Deformitäten der Wirbelsäule, und der Wandel von der konservativen zur operativen Behandlung der Wirbelsäulendeformitäten haben auch im Operationssaal ihre Konsequenzen gehabt. Mit Stolz kann die Schulthess Klinik heute auf ihre «Spine Unit» schauen, für deren Aufbau Dvořák mit Dieter Grob an der Wiege stand. Das intraoperative Monitoring, welches Dr. med. Martin Sutter, mit Dvořák als Initianten, aufgebaut hat, ist einmalig und für manche Operation, nicht nur am Rücken, unentbehrlich. Wirbelsäulenchirurgie ohne intraoperatives Monitoring? Heute kaum vorstellbar.

Wissenschaft

Die Anzahl der Publikationen, die Dvořák verfasst oder mitverfasst hat, ist unermesslich und auch seine Bücher, die in verschiedene Sprachen übersetzt worden sind, füllen ganze Bücherregale. Die Preise, Ehrungen, Diplome, Mitgliedschaften und Ehrenmitgliedschaften aus aller Welt füllten bis zum letzten Quadratzentimeter die Wände seines Büros mit Sicht auf die Alpen, das er nun an seine jungen Kollegen abgetreten hat. Gab es noch keine internationale Gesellschaft für ein spezifisches Problem, so wurde sie gegründet. «Geht nicht» gibt es nicht in Dvořáks Vokabular. Als einer der wenigen Kaderärzte der Schulthess Klinik begleitete Dvořák auch die wissenschaftliche Laufbahn einiger seiner Mitarbeitenden bis zur Habilitation. Er war nicht nur auf sich und seine Karriere fokussiert, liess seine Mitarbeitenden am Erfolg teilhaben und selber Erfolg haben.

Swiss Concussion Center

Lücken zu erkennen und zu füllen, das ist eine Gabe, in der Dvořák der Meister ist. Die nicht nur im Sport häufige Gehirnerschütterung und ihre Folgen waren genau so eine Lücke, ein Schneewittchen, um das sich niemand so richtig kümmern wollte. Mit der Gründung des ersten schweizerischen Concussion Centers setzte Dvořák einen weiteren Meilenstein in seiner kreativen Tätigkeit. Natürlich kann ein Mann nicht alles selber machen und ist auf gute Mitarbeitende angewiesen. Seine Fähigkeit, Menschen von seinen Ideen zu überzeugen und sie zu motivieren, ist genauso einmalig wie sein Durchhaltevermögen, wenn es darum geht, Hindernisse zu überwinden. Die inzwischen habilitierte Frau Dr. med. Nina Feddermann- Demont nahm unter seiner Schirmherrschaft das neue Projekt unter ihre Fittiche und führt die strategisch wichtige Innovation fort.

Farewell Prof. Dvorak

FIFA

Es war eine klare Konsequenz aus der klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit von Prof. Dvořák, dass der Weltfussballverband das Potenzial von Dvořák erkannte und ihn als Chief Medical Officer (CMO) verpflichtete. Während seiner 20-jährigen Tätigkeit für die FIFA hat sich das globale Netzwerk von Jiří Dvořák exponentiell erweitert, seine Studien mit dem Motto «Football for Health» hatten direkten Einfluss auf die Fussballregeln, auf das Doping und auf die Prävention und Gesundheit, namentlich der Kinder in Afrika. Die Welt wurde zur Bühne, auf der sich Dvořák sehr gut zu bewegen verstand. Die Reisen, die ihn in alle Länder der Welt führten, hatten natürlich einen negativen Einfluss auf seine physische Anwesenheit in der Schulthess Klinik und wären undenkbar gewesen, wenn Jiří Dvořák in Dr. med. Fredy Müller keinen gleichwertigen Neurologen neben sich gehabt hätte. Klar gibt es noch mehr zu berichten über diese einmalige Persönlichkeit, im Detail verweise ich auf die noch nicht geschriebenen Memoiren, die vielleicht dann irgendwann noch erscheinen werden.

Farewell

Prof. Jiří Dvořák beendet mit seinem 70sten Geburtstag im November 2018, nach 31 Jahren, seine klinische Arbeit als Neurologe an der Schulthess Klinik. Er ist der Vorletzte der «alten Garde», der aus dem Gremium der Kaderärzte abtritt und auch das Amt des Senior Consultants niederlegt. Als externer Berater und Stratege bleibt er der «Wissenschaft», die ihm ein Leben lang ein wesentliches Anliegen war, hoffentlich noch lange erhalten. Prof. Jiří Dvořák ist seit 46 Jahren mit Babette Dvořák-Kisling verheiratet, Vater von vier Kindern und, was man ihm nicht ansieht, sechsfacher Grossvater.

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